Research Associates: Tanja Hetzer

Tanja Hetzer
Antisemitismus und Politische Theologie in Deutschland, 1930-1950

Zwischen offenem Widerspruch und freiwilliger Unterstützung des Antisemitismus im Dritten Reich lag ein breites Spektrum von Verhaltensweisen. Mein Projekt geht der Frage nach, wie sich die politische Theologie in diesem Handlungsspielraum bewegte und welche Haltung sie zu der sich radikalisierenden “Judenpolitik” einnahm. Weder die Einführung des sogenannten “Arierparagraphen” und deren Übernahme in den kirchlichen Bereich, noch die Einführung der Nürnberger Gesetze blieben unkommentiert. Im Gegenteil: es ist möglich zu zeigen, wie die Theologen versuchten ihre Weltanschauung diesen politischen Veränderungen in Einklang zu bringen.

Die spezifische Bedeutung meines Projektes liegt darin, daß Erkenntnisse aus verschiedenen Teildisziplinen – Antisemitismusforschung und NS-Geschichte, Theologie- und Kirchengeschichte – miteinander verknüpft werden. Dabei stehen zwei Fragen im Zentrum: Wie wurde die NS-Judenpolitik von Vertretern der politischen Theologie her kommentiert oder gar legitimiert? Wie argumentierten diese zum Teil einflußreiche Persönlichkeiten der protestantischen Kirche in der Schulddebatte nach 1945?

Fokussiert auf die Politische Theologie von Paul Althaus, Werner Elert, Friedrich Gogarten und andern politischen Theologen versuche ich zu klären, inwiefern Haltungen dieser Theologen repräsentativ sind und für welche weltanschauliche Position sie stehen. Wie unterscheidet sich der Antisemitismus der Politischen Theologie von Theologen der Bekennenden Kirche einerseits und der Ideologie der Deutschen Christen andererseits? Wo gibt es Berührungspunkte und ideologische Überschneidungen. Die Brüche und Kontinuitäten, die sich in der Tradierung antisemitischer Bilder und Denkfiguren feststellen lassen, werden in meiner Studie vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Ereignisse interpretiert. Gegen Ende der Weimarer Zeit hatte sich eine protestantische Weltanschauung gefestigt, die sich aus der Auseinandersetzung um das Verhältnis von Christentum zu Volkstum, Nation und Rasse speiste. Ziel der Studie ist es zu klären, inwiefern diese Weltanschauung ein entscheidendes Dispositiv für die Positionierung zum Antisemitismus im Nationalsozialismus darstellte. Die sogenannte Theologie der Schöpfungsordnung, die nach dem ersten Weltkrieg vor allem von lutherischen Theologen entworfen und systematisch dargestellt wurde, war der Ort, in welchem Rasse und Volkstum verhandelt wurden. Rasse, Volk und Volkstum wurden hier als schöpfungsmäßig, das heißt als “von Gott gesetzte Bindungen” verstanden, die für die christliche Existenz von unmittelbarer Verpflichtung seien. Zu fragen gilt, welche Handlungsverpflichtung Theologen daraus ableiteten und welche Position (deutschen) Juden in diesem deutsch-christlichen Volkskonzept zugewiesen wurde. Mit welchen Argumenten wurden schließlich die radikalen antisemitischen Forderungen der Deutschen Christen von gemäßigteren Theologen zurückgewiesen und wo entwickelten sich ideologische Annäherungen? Und schließlich: Was war ihre Haltung gegenüber Juden und Judentum nach 1945?