Research Associates: Christian Strub

Christian Strub
Ethik und Moralphilosophie im nationalsozialistischen Deutschland

Das Projekt geht von der Überzeugung aus, daß es falsch ist, das Verhältnis der Mitglieder der NS-“Volksgemeinschaft” zu ihrem Regime ausschließlich als Gewaltverhältnis zu thematisieren, ohne in Betracht zu ziehen, daß für sie eine moralische Legitimation dessen, was sie taten oder zuließen, daß es getan wurde, überhaupt eine Rolle spielte. (Beliebt ist entweder die Argumentation nach dem Schema “Führer-Verführte”, die den Willen zur Gewalt nicht als eigene Entscheidung, sondern als von außen kommendes Etwas beschreibt, oder das Bild der Überzeugungstäter, die ganz bewußt moralische Begründungsansprüche über Bord geworfen haben, die also im vollen Sinn als amoralisch zu bezeichnen sind. Dazwischen liegen die Positionen des “man konnte nicht anders”, der gezwungenen Mitläufer u.ä. Die Skala wäre zu differenzieren.)
Demgegenüber soll — dies ist das Neue des Ansatzes — behauptet werden, daß man den Mitgliedern der NS-“Volksgemeinschaft” sehr wohl eine Moral unterstellen sollte und damit auch ein Interesse an der objektiven Begründbarkeit, d.h. dem Ausweis der Allgemeingültigkeit der entsprechenden Handlungsprinzipien. Eine solche NS-Moral scheint durch drei Elemente bestimmt zu sein: (1) traditionelle, teils durchaus universalistische Moralkonzepte; (2) spezielle hochflexible, äußerst inhaltsarme Konzepte wie “Rasse”, “Blut”, “Volksgemeinschaft”, “Volksempfinden” etc. (3) Durch diese Konzepte werden die traditionellen Moralkonzepte transformiert und zugleich die Begründungsdefizite, die bei dieser Transformation auftauchen, verdeckt.

Wenn man behauptet, eines der wesentlichen Elemente des Verhältnisses der Mitglieder der “NS-Volksgemeinschaft” zu ihrem Regime liege in einer spezifischen Moral, ist es nicht unplausibel, zunächst einmal den professionellen Diskurs über Moral mindestens zwischen 1933-1945 zu untersuchen. Die erste Hauptaufgabe des Projekts soll deshalb die Analyse der entsprechenden philosophischen Buchpublikationen, Artikel in Fachzeitschriften und Hochschulschriften zu Fragen der Moral mindestens zwischen 1933 und 1945 sein. Einerseits ist eine solche Herangehensweise ein Vorteil, weil das Korpus der zu analysierenden Texte überschaubar ist, andererseits sollte man von den Ergebnissen einer solchen Analyse nicht allzu viel erwarten: der philosophische Diskurs über Moral spiegelt sicher nur sehr eingeschränkt die Moralkonzepte wider, die in der alltäglichen Praxis des NS eine Rolle spielten. Es ist allerdings zu hoffen, daß über die Analyse dieses Diskurses Basiskonzepte isoliert werden können, die dazu dienen können, weitere Untersuchungen der NS-Moral im nichtphilosophischen Bereich zu strukturieren.
Eine besondere Rolle soll hier die Rezeption von Kants Moralphilosophie im NS spielen; denn Kant ist sicher derjenige Autor, der den moralischen Allgemeinheitsanspruch am wirkungsvollsten formuliert hat (“Pflicht”, “Gewissen”, “Kategorischer Imperativ”). Ein weiterer Schwerpunkt soll in einer begriffsgeschichtlichen Analyse der Benutzung des Wortes “Moral” und damit zusammenhängender Konzepte (“Ehre”, “Treue”, “Pflicht”, Sittlichkeit”) in verschiedenen Kontexten mindestens zwischen 1933 und 1945 liegen.

Bisher im Rahmen des Projekts erschienen ist:
„Absonderung des ‚Volks der lebendigen Sprache’ in deutscher Rede. Die Performanz von Fichtes ‚Reden an die deutsche Nation’“. In: Philosophisches Jahrbuch 111 (2004), S. 384-415