Research Associates: Birgit Erdle

Birgit Erdle
Geschichtsdenken und Konzepte der Tradierung in den Schriften von Freud, Kafka und Heine

Das Projekt untersucht, wie jüdische Autoren seit dem frühen 19. Jahrhundert auf eine jeweils verschiedene Weise das Problem der ‚Tradierung’ adressieren. Texte von Heinrich Heine, Franz Kafka, Sigmund Freud, Erwin Straus, Theodor W. Adorno u.a. werden analysiert, die einen Zeitraum von 1826 bis 1944 umspannen.
Es geht mir in meinem Projekt nicht so sehr um die Frage, wie die untersuchten Texte sich auf ‚Inhalte’ der Tradition beziehen. Vielmehr interessiert es mich, zu rekonstruieren, wie die Texte über den Prozess der Tradierung, über ‚Übertragung’, Weitergabe, ‚Erbschaft’ nachdenken, welche theoretischen Konzepte, Figuren und Bilder sie dafür entwerfen. Diese Frage, wie ,Tradierung’ zu denken ist, ist in den untersuchten Texten mit einer Theorie des Ereignisses verknüpft, die um das ‚Trauma’ zentriert ist, das heisst, um einen Zusammenhang von Schrecken, Schock, Wiederholung, Sprache und Narrativität.

Die Studie ist am Schnittpunkt von Literatur, Wissenschaft und Philosophie situiert, sie versucht, diese verschiedenen Diskursfelder zusammen zu führen. Damit ist es einerseits möglich zu zeigen, wie der Zusammenhang von Tradierung und Trauma verschiedene Wissenssysteme durchquert und quer zu deren Begrenzungen verhandelt wird. Andererseits könnte dies die Geschichte und die Schattierungen einer jüdischen intellektuellen Position in der Moderne präzisieren. Meine Analyse der Texte bezieht sich nicht nur auf Passagen, in denen der Begriff der Tradierung explizit thematisiert wird, sondern auch auf das Verfahren der Texte und auf den Modus der Bezugnahme auf andere Texte (z.B. in der Form direkter oder verschwiegener Zitate). Die Studie will exemplarische Konstellationen beschreiben: beispielsweise die gleichzeitige Referenz auf traditionelle jüdische Texte (Bibel und Haggada), auf Hegels Geschichtsphilosophie, und auf Quellen jüdischer Historiographie in Heinrich Heines Prosa; die Stellung der Konzepte Sigmund Freuds und derjenigen des Psychiaters Erwin Straus gegenüber einem Modell von Übertragung, wie es die genetische Theorie im frühen 20. Jahrhundert impliziert, indem sie biologische Erbschaften konstruiert; die Figur der Übertragung, wie sie bei Franz Kafka entwickelt ist, beispielsweise in den Boten und Kurieren, den “sinnlos gewordenen Meldungen” oder nie eintreffenden Botschaften; oder auch die Konstellation, die Kafkas und Freuds Moses-Text miteinander bilden.

Eine leitende Fragestellung des Projekts ist, inwiefern die untersuchten Texte einen Gegendiskurs gegen das herrschende Geschichtsdenken in der Moderne formulieren, und damit auch Ausdruck einer Auseinandersetzung mit der dominanten, umgebenden nicht-jüdischen Kultur sind.