Forschungsprojekte

Eine Geschichte visueller Formulierungen von Moral und Antisemitismus

Ein gemeinsames Forschungsprojekt des Leo Baeck Instituts London und des Fritz Bauer Instituts Frankfurt

1900 produzierte die Berliner “Antisemitische Buchhandlung Emil Keil” eine Postkarte mit dem Titel “Jüdischer Heldenmut”. Sie zeigt, wie sich ein jüdischer Mann im besten Alter, etwas korpulent, hinter seiner etwas fettleibigen Frau versteckt, als auf einer Bergwanderung ein wilder Bär ihre Wege kreuzt. Der Körper des Mannes ist gebückt, und er positioniert seine Frau als Schild gegenüber dem Tier. Der Mann tut das, was eigentlich der Frau vorbehalten ist: hinter einem (männlichen) Körper Schutz suchen. Mut heißt für Juden, so suggeriert die Postkarte, dass sich der Mann wie eine Frau verhält. Und da der Mann zudem die Frau an seine Stelle rückt, legt dieser Blick auf das jüdische Paar auch nahe, dass Juden letztlich die Geschlechterordnung verkehren.

Was an antisemitischen Postkarten ins Auge fällt, ist die ausgesprochene Hässlichkeit und das Amorphe der jüdischen Körper. Die visuelle Sprache der antisemitischen Karten erzählt aber nicht nur von unschönen Körpern, sondern auch von mit diesen Körpern korrelierten negativ besetzen moralischen Eigenschaften wie Unehrlichkeit, Lüsternheit oder in diesem Beispiel Feigheit. Diese Karten wurden eifrig gesammelt und verschickt; sie stießen auf Zustimmung, sie weckten offenbar positive Gefühle. Im deutschen Kaiserreich waren Postkarten ein populäres Kommunikationsmittel, gewissermaßen das Email von damals.

Doch was genau weckte positive Gefühle? Das Bild – also der Blick auf hässliche Körper – oder das Sehen von “feigen” Juden? Oder einfach die Tatsache, dass der Adressat jemanden auf seiner Seite wusste, nämlich den Absender der Postkarte. Diese Fragen weisen in den Kern der anstehenden Untersuchung. Was uns interessiert, ist das Zusammenwirken von visueller Sprache, von Medien und von Gefühlen im Kontext von Antisemitismus. Welche Gefühle werden erzeugt, wie werden diese Gefühle erzeugt, wie appellieren sie an Gemeinsamkeit und inwiefern korrespondieren diese Gefühle mit antisemitischen visuellen Zeichen beziehungsweise die antisemitischen Zeichen mit den Gefühlen?

Emotionen als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand ist für die Geschichtswissenschaft Neuland, ebenso wie die Auseinandersetzung mit visuellen Quellen. Setzt man sich aber mit der Geschichte des Antisemitismus auseinander, so ist auffallend – das Beispiel Postkarte zeigt dies – wie zentral visuelle Quellen für die Formulierung antisemitischer Erzählungen und Moral sind. Visuelle Quellen eignen sich hervorragend, um den postulierten Zusammenhang zwischen Emotion, Moral und Antisemitismus zu erforschen, umso mehr, weil sie selbst als Medium an der Produktion von Emotionen beteiligt sind. Wir untersuchen diesen Zusammenhang am Beispiel Deutschland in einem Längsschnitt, der vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik reicht. Dieser Längsschnitt umfasst vier Teile: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Deutschland und Bundesrepublik Deutschland. Und er umfasst eine ganze Reihe von visuellen Quellen wie Postkarten, Kinofilme und – Fernsehkrimis.
Eine solche historisch arbeitende Auseinandersetzung erfordert einen interdisziplinären Zugang. Philosophische Überlegungen, Medien- und insbesondere filmwissenschaftliche Herangehensweisen sollen mit geschichtswissenschaftlichen Methoden kombiniert werden.

Wir gehen davon aus, dass visuelle Medien eine zentrale Rolle spielen bei der Verständigung von Personen über ihre moralischen Standards und ihr moralisches Selbstverständnis. Bilder lösen nicht per se Gefühle aus und überwältigen den Betrachter, sondern sie interagieren mit mentalen Dispositionen des Betrachters. Wie spricht beispielsweise ein Film vorhandene moralische Gefühle an? Das Kino lässt sich, wie es der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger ausführte, als ein “moralisches Laboratorium” verstehen, das es ermöglicht, Gefühle der Protagonisten im Film zu erfahren, zu teilen oder abzulehnen – je nach historischem Kontext des Filmes und des Betrachters.

Mit einer präzisen historischen Situierung der visuellen Quellen – politikgeschichtlich, mediengeschichtlich und kulturgeschichtlich – sollen nicht nur die aufgeworfenen Fragen beantwortet, sondern auch den Kontinuitäten und Brechungen Rechungen getragen werden, denen moralische Vorstellungen unterworfen sind.

Das Projekt wird es uns ermöglichen, Kriterien für Diskussionen über den emotionalen Impact visueller Darstellungen zu entwickeln. Dies ist heutzutage besonders wichtig, da visuelle Medien – vor allem durch das Internet – allgegenwärtig geworden sind.

Das Projekt wird durchgeführt von Dr. Daniel Wildmann (Stellvertretender Direktor LBI London) and PD Dr. Werner Konitzer (Stellvertretender Direktor FBI Frankfurt).