Die Kölner Justiz und der Umgang mit dem nationalsozialistischen Unrecht an Juden

Köln, 18.-19. November 2002

Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit
in cooperation with the Leo Baeck Institut London
B’nai B’rith Loge-Rheinland/Köln,
Dokumentations- und Forschungsstelle “Justiz und Nationalsozialismus” in der Justizakademie des Landes NRW,
Theater am Sachsenring,
FilmInitiativ,
Kölner Filmhaus

Die Unfähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, war nach Hannah Arendt eines der hervorstechenden Merkmale der deutschen Nachkriegsgesellschaft, verbunden mit dem Ausblenden von Verstrickungen und persönlicher Schuld. Eine wichtige Frage in dem Prozess der politischen Neuorientierung nach 1945 spielte die Justiz. Die Entwicklung eines demokratischen Rechtsverständnisses hing maßgeblich davon ab, ob die ehemaligen Täter vor Gericht gestellt und auch auf zivilrechtlicher Ebene Versuche unternommen wurden, den Opfern Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Auf der Tagung werden die verschiedenen Aspekte des Umgangs der Kölner Justiz mit dem nationalsozialistischen Unrecht an Juden zu einer Gesamtschau zusammengeführt. Das lokale Geschehen wird thematisch in Beziehung gesetzt zu west- und ostdeutschen sowie transnationalen Entwicklungen. Die Folgewirkungen des “Zivilisationsbruches Auschwitz” in der Zeit nach 1945 bis Ende der 70er Jahre stehen im Zentrum des Interesses. Erinnerungsfähigkeit ist als soziale Kompetenz für verantwortungsvolles Handeln unverzichtbar. Angesichts der aktuellen Debatten um “Verbrechen gegen die Menschlichkeit”, die Einrichtung internationaler Strafgerichtshöfe für Bosnien und Ruanda und anderer Beispiele einer transitional justice sowie der innenpolitisch brisanten Auseinandersetzung um Antisemitismus und Rechtsextremismus kommt diesem Thema eine Bedeutung zu, die über vergangenheitspolitische Implikationen hinaus auf wichtige Fragen der Gegenwart und Zukunft verweist.

Programm

Montag, 18. November

Dr Jürgen Wilhelm (Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft)
Zur Einführung


Brüche und Kontinuitäten: Der Kölner Justizapparat und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen (nach 1945)

Dr Gerhard Pauli (Oberstaatsanwalt, Hagen)
Sühne von NS-Unrecht unter deutscher Strafjustiz vor und nach Gründung der Bundesrepublik

Prof Dr Carl Friedrich Rüter (Jurist, Institut für Strafrecht, Universität Amsterdam)
Ost- und westdeutsche Prozesse gegen die Verantwortlichen für die Deportation der Juden: Das Beispiel der Kölner Gestapo

Wolfgang Weber (Oberstaatsanwalt, Köln)
Die Kölner Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen


“Wiedergutmachung?” (50er Jahre)

Cordula Lissner (Historikerin, Köln)
Remigration jüdischer Juristen und Juristinnen

Katharina van Bebbern (Rechtsanwältin, Köln)
Die Rechtsprechung in Entschädigungsverfahren

Dr Maik Wogersien (Staatsanwalt, Bocholt)
Restitution – Die Rückerstattung von unberechtigt entzogenen Vermögensgegenständen

Dienstag, 19. November

Justiz und Öffentlichkeit (60er Jahre)

Prof Dr Werner Bergmann (Soziologe, Zentrum für Antisemitismusforschung/TU Berlin)
Antisemitismus vor Gericht: Die Hakenkreuzschmierereien an der Kölner Synagoge 1959 und andere Übergriffe

Peter Liebermann (Facharzt für Psychatrie und Psychotherapie, Köln)
Trauma – Zeugenschaft – Beweis

Heiner Lichtenstein (Journalist, Köln)
“Niemand spricht für den Zeugen.” Medien, öffentliches Interesse und NS-Prozesse


Der Fall “Lischka”: ein Kölner Prozess mit internationaler Dimension (70er Jahre). Zeitzeugen und Kommentar

Beate Klarsfeld (Journalist, Paris)
Politik und Protest – Die Überlebenden und ihre Kinder

Dr Heinz Faßbender (Landgerichtspräsident a.D., Köln)
Der Prozess gegen Lischka, Hagen und Heinrichsohn aus der Sicht des damaligen Schwurgerichtsvorsitzenden

Bernhard Brunner (Historiker, Freiburg i. Br.)
Der ‘Frankreich Komplex’: Die juristische Aufarbeitung der in Frankreich verübten NS-Gewaltverbrechen

Prof Dr Horst Matzerath (ehemaliger Leiter des NS-Dokumentationszentrums, Köln)
Zur Forschungsperspektive. Schlussbemerkungen


Evening event

Dr Joachim Arntz (Präsident des Verwaltungsgerichts, Köln)
Prof Dr Georg Kurz (Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V./B’nai B’rith Loge-Rheinland/Köln)
Grußworte

Wolfgang Gerhardts (Justizminister NRW)
Die nordrhein-westfälische Justiz und die NS-Vergangenheit

Dr Raphael Gross (Leo Baeck Institute London)
Nach der Shoa: Moral und Recht