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Leo
Baeck Institut London
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LBI London Fellowship Programme 2004 Dr Peter Melichar Forschungsstipendium
der British Academy:
2003 PD Dr Christian Strub Dr Birgit Erdle 2002 PD Dr Christian Strub
Dr Peter Melichar Ausgehend von der zentralen Fragestellung, ob - wie häufig getan - der Antisemitismus eine Sache des "Pöbels" ("Antisemitismus als Sozialismus des dummen Kerls"), oder nicht vielmehr in sehr hohem Maß der politischen, ökonomischen und kulturellen Eliten war, beabsichtigt es im weiteren die Erforschung der Formen, Praktiken und Funktionsweisen eines Antisemitismus der österreichischen Eliten. Statt von Definitionen auszugehen, die Ergebnisse schon vorwegnehmen würden, soll versucht werden, die Auseinandersetzungen um das, was Elite im Zusammenhang mit Anti- bzw. Philosemitismus bedeuten sollte, selbst zum Untersuchungsgegenstand zu machen. Damit ergeben sich eine Reihe von Fragen, die den Gegenstand des vorliegenden Forschungsvorhabens strukturieren: Konstituieren sich Eliten als antisemitisch, als arische, christliche (katholische) Gegen-Eliten? Welche Faktoren sind dabei dominant? Ist der Antisemitismus Folge von (z. B. ökonomischen, kulturellen, politischen, religiösen) Bedingungen, oder Resultat persönlicher, d.h. freier Willens-Entscheidungen? Spielen Erweckungserlebnisse eine Rolle und wie funktionieren sie? Welche Funktion haben Eliten bei der Produktion und Verteilung von diversen Stereotypen, Bildern, symbolischen Codes? Ausgangspunkt der hier konzipierten Forschung ist ein nach Berufen und Milieus ausgewähltes Sample von Personen (ca. 100). Die Auswahl soll nicht durch Zufall erfolgen, sondern das Sample soll nach den Kriterien größtmöglicher Varianz konstruiert werden. Welche Macht beziehungsweise Machtformen dem Antisemitismus zugeschrieben werden können und worin ihre gegenseitigen Abhängigkeiten und Strukturierungen bestehen, soll in einem betont explorativen Vorgehen untersucht werden. Dies impliziert, die Erklärung der Eliten in einem systematisch-experimentellen Vergleich zu organisieren - und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits sollen die Repräsentanten der Berufe (z. B. Unternehmer, Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, Beamte, Politiker, Rechtsanwälte, Journalisten) jeweils mit anderen Akteuren vor allem aus Politik, Bürokratie, Kultur (beziehungsweise den Medien) und den Freien Berufen verglichen werden, denn nur so läßt es sich vermeiden, irgendwelche Gruppengrenzen willkürlich zu fixieren. Verstehen, was die untersuchten Eliten und ihre Repräsentanten waren, läßt sich nur, wenn verstanden wird, was sie nicht waren, das heißt wogegen sie sich definierten und zu behaupten versuchten. Die Eliten sollen damit auch untereinander verglichen werden. Das Machtfeld muß auch nach internen Hierarchisierungen, Fraktionierungen und Polarisierungen, kurz: nach seiner Struktur befragt werden. Keinem gesellschaftlichen Teilraum kann a priori Homogenität unterstellt werden: Jeder Schriftsteller, Gelehrte, Politiker, Unternehmer, Rechtsanwalt usw. positioniert sich ja immer auch durch die Auseinandersetzung mit seinen näheren und nächsten Konkurrenten. Andererseits sollen erklärte Antisemiten mit Personen verglichen werden, die nicht eindeutig, oder abgeschwächt oder kaum sichtbar mit dem Antisemitismus Bündnisse schließen oder kokettieren. Schließlich sollen sie weiters verglichen werden mit dezidierten Philosemiten oder Personen, die weder als das eine noch als das andere erscheinen. Und zuletzt versteht es sich, dass Juden (nach den verschiedensten Kriterien), aus dem Vergleich nicht ausgenommen sind. Das ist notwendig, um einerseits die berüchtigte These vom jüdischen Antisemitismus thematisieren zu können, andererseits um Abgrenzungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Eliten bzw. Verbindungen und Überschneidungen erkennen zu können. Beide Seiten des Vergleichs - jener der Eliten und Philo- bzw. Antisemiten - sind im übrigen nicht unabhängig voneinander. Denn die philo- bzw. antisemitische Binnenstruktur der Eliten erschließt sich nur, wenn die Beziehungen der diversen Repräsentanten der Politik, Wirtschaft, Bürokratie und Kultur untereinander untersucht werden, und umgekehrt. In forschungspraktischer Perspektive sieht das hier vorgestellte Programm vor, ein Sample zu konstruieren, das nach Maßgabe größtmöglicher Kontrast- und Variationsbreite ausgewählte Repräsentanten zusammenfaßt (strukturales Sampling , ungefähr 100 Erhebungspersonen) - worin die Anknüpfung an das Programm des Machtfelds einen konkreten Niederschlag findet. Im den verschiedenen Bereichen (etwa der Wirtschaft) sind die Personen immer mit dem Ziel, die Kontraste und Variationen in der Struktur dieser Eliten auszuloten. Die Systematik des Vergleichs wird dabei gewährleistet, indem an alle Erhebungsindividuen (egal welchem Bereich sie offiziell am ehesten zugehören) dieselben Erhebungsfragen gerichtet werden: Fragen nach Familienlaufbahn, Ausbildung, Berufskarriere, Besitz, diversen Auszeichnungen, Mitgliedschaft in Parteien, Vereinen, Kommissionen, Gremien u.ä., politische Funktionen, Teilnahme an öffentlichen Deklarationen, bestimmte öffentliche Positionierungen, Fragen nach der Verwendung von Argumentationsmustern, der Verwendung von Bildern, Phrasen und Stereotypen etc. Peter
Melichar, Dr. phil., Universitäts-Lektor an der Universität
Wien. Mitarbeiter der UEK (Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter
Weltkrieg und der Österreichischen Historikerkommission (Projekte:
Arisierungen und Liquidierungen von Unternehmen; Berufsschädigungen);
Mitherausgeber der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
(ÖZG) und Mitarbeiter der Edition der Ministerratsprokolle der Republik
Österreich (Österreichisches Staatsarchiv); weitere Themenfelder:
Sozialgeschichte des Bürgertums, Geschichte der Intellektuellen,
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Militärs.
Forschungsstipendium
der British Academy: Dieses Forschungsstipendium
zur Untersuchung von Antisemitismus im Zeitraum 1933 bis 1945 wurde im
Herbst 2003 an Peter Melichar vergeben, der sich in seinem Forschungsprojekt
mit Antisemitismus in den österreichischen Eliten auseinandersetzt.
PD Dr Christian Strub Das Projekt
geht von der Überzeugung aus, daß es falsch ist, das Verhältnis
der Mitglieder der NS-"Volksgemeinschaft" zu ihrem Regime ausschließlich
als Gewaltverhältnis zu thematisieren, ohne in Betracht zu ziehen,
daß für sie eine moralische Legitimation dessen, was sie taten
oder zuließen, daß es getan wurde, überhaupt eine Rolle
spielte. (Beliebt ist entweder die Argumentation nach dem Schema "Führer-Verführte",
die den Willen zur Gewalt nicht als eigene Entscheidung, sondern als von
außen kommendes Etwas beschreibt, oder das Bild der Überzeugungstäter,
die ganz bewußt moralische Begründungsansprüche über
Bord geworfen haben, die also im vollen Sinn als amoralisch zu bezeichnen
sind. Dazwischen liegen die Positionen des "man konnte nicht anders",
der gezwungenen Mitläufer u.ä. Die Skala wäre zu differenzieren.) Wenn man
behauptet, eines der wesentlichen Elemente des Verhältnisses der
Mitglieder der "NS-Volksgemeinschaft" zu ihrem Regime liege
in einer spezifischen Moral, ist es nicht unplausibel, zunächst einmal
den professionellen Diskurs über Moral mindestens zwischen 1933-1945
zu untersuchen. Die erste Hauptaufgabe des Projekts soll deshalb die Analyse
der entsprechenden philosophischen Buchpublikationen, Artikel in Fachzeitschriften
und Hochschulschriften zu Fragen der Moral mindestens zwischen 1933 und
1945 sein. Einerseits ist eine solche Herangehensweise ein Vorteil, weil
das Korpus der zu analysierenden Texte überschaubar ist, andererseits
sollte man von den Ergebnissen einer solchen Analyse nicht allzu viel
erwarten: der philosophische Diskurs über Moral spiegelt sicher nur
sehr eingeschränkt die Moralkonzepte wider, die in der alltäglichen
Praxis des NS eine Rolle spielten. Es ist allerdings zu hoffen, daß
über die Analyse dieses Diskurses Basiskonzepte isoliert werden können,
die dazu dienen können, weitere Untersuchungen der NS-Moral im nichtphilosophischen
Bereich zu strukturieren. Bisher
im Rahmen des Projekts erschienen ist: Christian
Strub, PD Dr. phil., Philosoph, lehrte und lehrt an den Universitäten
Freiburg i.Br. und Hildesheim. Nach Publikationen zur Metaphorologie (Kalkulierte
Absurditäten. Versuch einer historisch reflektierten sprachanalytischen
Metaphorologie, Freiburg i.Br.: Alber 1991), zur Frühscholastik und
dem neuzeitlichen Systembegriff liegt sein Schwerpunkt jetzt neben der
Arbeit an dem oben beschriebenen Projekt Moralphilosophie im Nationalsozialismus
auf dem Gebiet der praktischen und Kulturphilosophie. 2005 wird von ihm
erscheinen: Sanktionen des Selbst. Zur normativen Praxis sozialer Gruppen,
Freiburg i.Br. 2005 und Vom freien Umgang mit Gepflogenheiten. Eine Wittgensteinsche
Perspektive auf die praktische Philosophie, Paderborn: mentis 2005. Ferner
Arbeit an zwei philosophischen Editionen: Petrus Abaelardus, Glossae super
Perihermeneias (mit Klaus Jacobi) und Charles S. Peirce, Lowell Lectures
1903 (mit Helmut Pape).
Dr Birgit Erdle Das Projekt
untersucht, wie jüdische Autoren seit dem frühen 19. Jahrhundert
auf eine jeweils verschiedene Weise das Problem der Tradierung'
adressieren. Texte von Heinrich Heine, Franz Kafka, Sigmund Freud, Erwin
Straus, Theodor W. Adorno u.a. werden analysiert, die einen Zeitraum von
1826 bis 1944 umspannen. Die Studie ist am Schnittpunkt von Literatur, Wissenschaft und Philosophie situiert, sie versucht, diese verschiedenen Diskursfelder zusammen zu führen. Damit ist es einerseits möglich zu zeigen, wie der Zusammenhang von Tradierung und Trauma verschiedene Wissenssysteme durchquert und quer zu deren Begrenzungen verhandelt wird. Andererseits könnte dies die Geschichte und die Schattierungen einer jüdischen intellektuellen Position in der Moderne präzisieren. Meine Analyse der Texte bezieht sich nicht nur auf Passagen, in denen der Begriff der Tradierung explizit thematisiert wird, sondern auch auf das Verfahren der Texte und auf den Modus der Bezugnahme auf andere Texte (z.B. in der Form direkter oder verschwiegener Zitate). Die Studie will exemplarische Konstellationen beschreiben: beispielsweise die gleichzeitige Referenz auf traditionelle jüdische Texte (Bibel und Haggada), auf Hegels Geschichtsphilosophie, und auf Quellen jüdischer Historiographie in Heinrich Heines Prosa; die Stellung der Konzepte Sigmund Freuds und derjenigen des Psychiaters Erwin Straus gegenüber einem Modell von Übertragung, wie es die genetische Theorie im frühen 20. Jahrhundert impliziert, indem sie biologische Erbschaften konstruiert; die Figur der Übertragung, wie sie bei Franz Kafka entwickelt ist, beispielsweise in den Boten und Kurieren, den "sinnlos gewordenen Meldungen" oder nie eintreffenden Botschaften; oder auch die Konstellation, die Kafkas und Freuds Moses-Text miteinander bilden. Eine leitende
Fragestellung des Projekts ist, in wie fern die untersuchten Texte einen
Gegendiskurs gegen das herrschende Geschichtsdenken in der Moderne formulieren,
und damit auch Ausdruck einer Auseinandersetzung mit der dominanten, umgebenden
nicht-jüdischen Kultur sind. Birgit
R. Erdle, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Lehrtätigkeit
an der Universität München, der Akademie der Bildenden Künste
in München, der Universität Zürich, und der Technischen
Universität Berlin. Verschiedene Veröffentlichungen zur deutsch-jüdischen
Geschichte, zur Nachgeschichte von Nationalsozialismus und Shoah, und
zur Geschichte literarischer Gedächtnisfiguren seit 1800. Publikationen
u.a.: Antlitz, Mord, Gesetz. Figuren des Anderen bei Gertrud Kolmar
und Emmanuel Lévinas. Wien: Passagen, 1994
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